Umkleidezeit macht Schule!

10. Mai 2019 | von Michèle Dünki-Bättig

Die Kampagne «Umkleidezeit ist Arbeitszeit» zeigt exemplarisch, wie gute Gewerkschaftsarbeit funktioniert. 

Von langer Hand vorbereitet und von Spitalangestellten am Zürcher Universitätsspital USZ initiiert, lancierte die VPOD Sektion Zürich Kanton vergangenen Herbst die Kampagne «Umkleiden ist Arbeitszeit!». Am 30. September erschien im Sonntagsblick ein grosser Artikel «Personalverband: Umkleidezeit ist Arbeitszeit!». Das war der Auftakt zu einer Kampagne, dessen Thema in den vergangenen Monaten immer wieder in den Zeitungen, in den Radiostationen und sogar im Fernsehen aufgenommen wurde. Schnell war klar: Die Anerkennung der Umkleidezeit wurde in der breiten Öffentlichkeit, aber auch in der Politik und bei RechtsexpertInnen anerkannt und die Verantwortlichen kamen in grösste Erklärungsnöte. 

Am 8. November hat der zuständige VPOD-Sekretär eine Umfrage online geschaltet, an der sich rund 1000 Angestellte der Spitäler im Kanton Zürich beteiligten. Die Auswertung zeigte klar: Das tägliche Umkleiden nimmt bei 67% der Teilnehmenden zwischen 10-20 Minuten Zeit in Anspruch – und das in 97% der Fälle unbezahlt! Gesamthaft weist die Umfrage nach, dass den Spitalangestellten (bei einem Vollzeitpensum) wöchentlich 2,5 Stunden, monatlich 10 Stunden, jährlich 120 Stunden = drei Arbeitswochen gestohlen werden, für die ihnen eine Lohnzahlung zusteht. 

Eine überparteiliche Anfrage im Kantonsrat zum Thema und zur Haltung des Regierungsrat befeuerte die Debatte. Die stark intensivierte Präsenz des VPOD in den Spitälern sorgte nicht nur für viele Neumitglieder, sondern vor allem für Vollmachten, um eine Lohnklage bei den betroffenen Spitälern einzureichen. Es war schnell klar: Die KollegInnen am USZ und der VPOD hatten hier einen Nerv getroffen, auf den sehr viele Spitalangestellte sensibel reagierten.

Acht Monate nach der Lancierung der Kampagne sind die Meinungen gemacht: der VPOD hat recht und einzelne Spitäler rechnen seit dem 1.1.2019 die Umkleidezeit als Arbeitszeit an. Dem schliesst sich auch der Regierungsrat mit seiner Antwort auf unsere Anfrage im Kantonsrat an.

Stossend ist aber, dass er herumschwurbelt, wenn es um die Überprüfung der Spitäler geht, das Arbeitsgesetz auch wirklich einzuhalten. Er spielt den Ball einfach an das bisher untätige Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) und die Arbeitsinspektorate zurück.

Auch wenn einzelne Spitäler nun vorwärtsmachen und die Umkleidezeit als Arbeitszeit anerkennen, entschädigt das die Angestellten noch nicht für die in den letzten fünf Jahren geleistete, aber nicht bezahlte Arbeitszeit. Bei einer Vollzeitanstellung macht das pro Kopf rund 2,5 Monatslöhne oder Ferienwochen aus. Ob diese Lohnnachforderungen vor Gericht durchgesetzt werden müssen, hängt stark davon ab, wie fair die Angebote der Spitäler an die Angestellten ausfallen, die Umkleidezeit anzurechnen. 

Was für Lehren zieht der VPOD aus dieser Kampagne? Als Gewerkschaft sind wir nicht nur Ansprechpartnerin bei Einzelfällen, in welchen Mitglieder unsere Unterstützung am Verhandlungstisch brauchen. Wir sind auch nicht nur für die vermeintlich grossen Themen wie Spitalprivatisierungen oder die zusätzliche Ferienwoche für das kantonale Personal gut. Wir schauen den Menschen als Gesamtes in seiner Arbeitswelt an und wehren uns auf allen Ebenen für das Recht der Mitarbeitenden: Wir kämpfen genauso für 5 zusätzliche Tage Ferien wie für 15 Minuten Umkleidezeit. Die Wahl der Themen durch die Basis, die Ressourcen der Gewerkschaft für die Präsenz im Betrieb, das Know-how für das rechtliche Vorgehen und die Medienarbeit… Dafür brauchen wir Zeit, Geld und noch viele neue Mitglieder, um uns mit starker Stimme für das Personal einsetzen zu können. Das macht uns zur verlässlichen Partnerin für alle Angestellten. 

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